Äbtissin, Mystikerin und Kirchenlehrerin · 1098–1179
Festtag: 17. September
Für schöpferisches Wirken und Schönheit.
Für alle, die sich vor dem Anfang fürchten.
Die Grünkraft des Geistes Gottes.

Hildegard war eine benediktinische Äbtissin des 12. Jahrhunderts. Sie hatte keine akademische Ausbildung in Theologie und keine Professur. Mit 42 Jahren empfing sie den Auftrag, aufzuschreiben, was sie sah. Sie hatte Angst und zögerte jahrelang. Dann begann sie zu schreiben und hörte bis zu ihrem Tod nicht mehr auf.
Sie verfasste theologische Visionsschriften, beschäftigte sich mit der Heilkunde, den Pflanzen und dem menschlichen Körper und komponierte Musik. Mehr als siebzig Kompositionen sind von ihr überliefert, die grösste Sammlung einstimmiger Musik ihrer Zeit mit bekanntem Urheber. All das hatte für sie dieselbe Quelle: die Viriditas, die Grünkraft des Geistes Gottes, die alles Leben durchdringt.
Zu ihr kommen Menschen, die Gott in ihrem schöpferischen Tun suchen, in der Musik, im Heilen oder in der geistigen Arbeit. Und Menschen, die sich nicht zu beginnen trauen. Hildegard wusste selbst, wie lang ein solches Zögern dauern kann. Schliesslich wagte sie den Anfang.
Du darfst mit deinen Sorgen vor Gott kommen.
Hildegard wurde 1098 in Bermersheim vor der Höhe in Rheinhessen als zehntes Kind einer adligen Familie geboren. Mit acht Jahren vertrauten ihre Eltern sie der frommen Jutta von Sponheim an, die als Einsiedlerin beim Benediktinerkloster Disibodenberg lebte. Dort wuchs Hildegard auf, lernte und legte um 1112 ihre Ordensgelübde ab. Es waren Jahre der Vorbereitung im Verborgenen.
Seit ihrer Kindheit hatte Hildegard Visionen. Sie beschrieb diese Erfahrung als Schau des „lebendigen Lichtes“ (lux vivens), die sich von allem unterschied, was mit den Augen zu sehen ist. Jahrelang sprach sie nicht darüber. Als Jutta 1136 starb, wurde Hildegard zur Oberin der Gemeinschaft gewählt. Mit 42 Jahren empfing sie, was sie als unmittelbaren Auftrag Gottes verstand: „Schreibe auf, was du siehst und hörst.“
Mit Unterstützung des Mönchs Volmar als Sekretär und der Nonne Richardis von Stade begann Hildegard zu schreiben. In zehn Jahren entstand Scivias, abgeleitet von Scito vias Domini, „Wisse die Wege des Herrn“. Das Buch enthält 26 Visionen und reiche Buchmalereien, die die Nonnen selbst gestalteten. Die Handschrift gelangte zu Papst Eugen III. Er liess sie auf der Synode von Trier 1147 in Anwesenheit Bernhards von Clairvaux vorlesen und unterzeichnete seine Zustimmung. Hildegard wurde die erste Frau, deren Visionswerk das päpstliche Siegel der Echtheit trug.
Um 1150 gründete Hildegard auf dem Rupertsberg bei Bingen ein neues Kloster. Der Schritt stiess auf Widerstand. Die Mönche vom Disibodenberg wollten eine so berühmte und für ihr Kloster wirtschaftlich bedeutende Äbtissin nicht ziehen lassen. Doch Hildegard blieb entschlossen. Sie verlegte ihre Gemeinschaft auf den Rupertsberg und lebte dort bis zu ihrem Tod. 1165 gründete sie auf der anderen Rheinseite ein zweites Kloster in Eibingen.
Neben ihren Visionsschriften verfasste Hildegard naturkundliche und medizinische Werke: die Physica über Pflanzen, Elemente, Tiere und ihre heilenden Eigenschaften sowie Causae et Curae über Krankheiten und ihre Behandlung. Sie betrachtete den Menschen als Ganzes. Leib und Seele gehörten für sie zusammen, und Heilung hatte immer auch eine geistliche Dimension. Im Europa des 12. Jahrhunderts war sie eine der wenigen Frauen, die medizinische Werke verfassten.
Hildegards Musik, die Symphonia armonie celestium revelationum, bildet die grösste aus dem Mittelalter erhaltene Sammlung einstimmiger Musik mit bekanntem Urheber. Dazu gehören sechsundsiebzig Hymnen, Antiphonen, Responsorien und Sequenzen sowie der Ordo Virtutum, ein geistliches Spiel und eines der frühesten bekannten Musiktheaterwerke Europas. Für Hildegard ahmte die Musik den Gesang der Engel nach. In ihr kam der Mensch dem Zustand vor dem Sündenfall am nächsten.
Hildegard glaubte, dass der Mensch vor der Sünde gesungen hatte. Gott zu loben war sein natürlicher Zustand gewesen, so selbstverständlich wie das Atmen. Mit der Sünde ging diese Stimme verloren. Doch in der Musik blieb etwas von diesem Ursprung erhalten. Wer singt oder hört, darf für einen Augenblick wieder ganz da sein, offen und im Einklang mit Gott. Was die Engel unablässig leben, berührt der Mensch in der Musik für eine kurze Zeit.
In ihren Sechziger- und Siebzigerjahren unternahm Hildegard vier Predigtreisen durch das Rheinland, Flandern und die Schweiz. Sie sprach vor Geistlichen, Bischöfen und dem Volk. Dass eine Frau öffentlich und vor kirchlichen Würdenträgern predigte, hatte es so noch nicht gegeben. Gegen Ende ihres Lebens wurde ihr Kloster wegen einer Bestattung mit einem Interdikt belegt. Hildegard blieb standhaft. Am 17. September 1179 starb sie auf dem Rupertsberg, umgeben von ihren Schwestern. Papst Benedikt XVI. nahm sie am 10. Mai 2012 in das Verzeichnis der Heiligen auf und erhob sie am 7. Oktober desselben Jahres zur Kirchenlehrerin. Diesen Titel tragen in der gesamten Kirchengeschichte nur vier Frauen.

Disibodenberg, 1141
In der Protestificatio, der Einleitung zum Scivias, erzählt Hildegard selbst, dass sie aus Demut und Zweifel jahrelang zögerte, ihre Visionen aufzuschreiben. Währenddessen wurde sie von einer schweren Schwäche und Krankheit befallen, die nicht weichen wollte. Als sie schliesslich die Feder nahm und zu schreiben begann, wurde sie gesund. Ihr Mitarbeiter Volmar, der den ganzen Weg miterlebt hatte, bestätigt dies. Als Papst Eugen III. und Bernhard von Clairvaux die Handschrift 1147 auf der Synode in Trier prüften, ging es um mehr als ein kirchliches Urteil. Sie erkannten im Text selbst einen übernatürlichen Ursprung und bestätigten ihn.

Rupertsberg, um 1169
Eine Frau namens Sigewize, die seit Langem von einem Geist besessen war, der durch sie sprach, wurde auf den Rupertsberg gebracht. Hildegard blieb im Gebet und Fasten bei ihr, und Sigewize wurde befreit. Der Fall ist in Hildegards Vita überliefert, an der ihr Mitarbeiter Gottfried mitwirkte, und wurde von mehreren Menschen aus der Gemeinschaft bezeugt. Sigewize lebte danach in Frieden und starb als Nonne.

Rupertsberg und Eibingen, 12. Jahrhundert
In der Physica und in Causae et Curae beschrieb Hildegard Hunderte von Pflanzen, Mineralien und Tieren mit ihren heilenden Eigenschaften. Ihre Heilkunde blieb nicht bei der Theorie. Das Kloster Rupertsberg war für seine heilende Hilfe bekannt; Pilger kamen aus ganz Deutschland und aus Flandern. Viele berichteten von Heilungen, die sie ihrem Gebet und ihrem Rat zuschrieben. Einige dieser Zeugnisse gingen in das Heiligsprechungsverfahren ein.
In der kirchlichen Überlieferung
Du kannst mit den Worten der Kirche beten.
Du kannst mit deinen eigenen Worten sprechen.
Du kannst auch schweigen.
Die Heilige nimmt nicht Gottes Platz ein.
Sie begleitet dich mit ihrem Gebet und ihrer Fürsprache.
Der Weg führt immer zu Gott.
Mit eigenen Worten
Hier kannst du Jesus sagen, was dich bewegt: ganz frei, mit deinen eigenen Worten und ohne vorgegebenen Text.

Ihre Gabe spricht bis heute zu uns und weist auf Jesus Christus hin.
Mit Christus führt sie uns im Heiligen Geist zum Vater.
Heilige Hildegard von Bingen, bitte für uns.
„Der Mensch ist Gottes Leier.“
Aus den Schriften Hildegards von Bingen