Kapuzinerpriester und Mystiker · 1887–1968
Festtag: 23. September
Fünfzig Jahre mit den Wundmalen Christi.
Ein unermüdlicher Beichtvater.
Für alle, die Schmerz, Leid, Schuld und Angst mit sich tragen.

Pater Pio war kein Priester, der das Leben aus sicherer Entfernung betrachtete. Fünfzig Jahre lang trug er die Wundmale Christi an seinem Leib. Täglich sass er fünfzehn bis zwanzig Stunden im Beichtstuhl und empfing Tausende Menschen, einen nach dem anderen. Das Leiden kannte er nicht aus Büchern. Er erfuhr es am eigenen Körper.
Er wusste von Sünden, die ihm in der Beichte noch nicht genannt worden waren, und sah, was anderen verborgen blieb. Dabei blieb er demütig, der Kirche gehorsam und dem Gebet treu, auch als er seinen Dienst nicht mehr öffentlich ausüben durfte. Den Menschen, die zu ihm kamen, bot er keine einfachen Trostworte. Er führte sie zur Barmherzigkeit Gottes und gab ihnen die Gewissheit, dass jemand für sie vor Gott eintrat.
An ihn wenden sich Menschen, die sich vor der Beichte fürchten oder unter ihrer Schuld leiden. Menschen, die Schmerzen haben oder krank sind. Und Menschen, denen es schwerfällt zu glauben, wenn alles dunkel erscheint. Pater Pio kannte all das: körperliches Leiden, die geistliche Nacht, Zweifel und Verlassenheit. Er hörte trotzdem nicht auf zu beten. Deshalb vertrauen ihm Menschen als einem Fürsprecher, der sie versteht und sie auch heute vor Gott trägt.
Bring mit, was dir auf dem Herzen liegt.
Der heilige Pater Pio wurde am 25. Mai 1887 als Francesco Forgione in Pietrelcina geboren, einem kleinen Ort in der Provinz Benevent in Kampanien, im Süden Italiens. Seine Eltern waren Grazio Forgione und Maria Giuseppa De Nunzio. Er war das vierte von sieben Kindern. Fünf überlebten die Kindheit: Michele, Francesco, Felicita, Pellegrina und Grazia.
Seine Eltern waren gläubige Bauern, die in bescheidenen Verhältnissen lebten. Sein Vater Grazio war ein sanftmütiger, stiller und fleissiger Mann, der das Land bestellte. Er erkannte Francescos geistliche Reife und seinen Wunsch nach dem Ordensleben. Um die Ausbildung seines Sohnes zu finanzieren, ging er zum Arbeiten zunächst in die Vereinigten Staaten und später nach Argentinien. Seine Mutter Maria Giuseppa lebte aus einem stillen, festen Glauben und führte Francesco schon früh an das Gebet und die Frömmigkeit heran. Sie legte das Fundament seiner geistlichen Kindheit.
Francesco zeigte von klein auf eine ungewöhnliche geistliche Reife, die in seinem Umfeld auffiel. Schon mit fünf Jahren weihte er nach seinen eigenen Worten sein Leben Gott. Er erzählte, er habe seit früher Kindheit Jesus, Maria und seinen Schutzengel gesehen. Das hielt er für ganz selbstverständlich, weil er annahm, allen Menschen gehe es so. Statt der Spiele anderer Kinder suchte er Ruhe und Stille und empfand schon früh einen ausgeprägten Widerwillen gegen jede Sünde. Der örtliche Priester Don Salvatore Pannullo erkannte seine Begabung und übernahm bereits in jungen Jahren seine geistliche Begleitung.
Am 6. Januar 1903 trat der fünfzehnjährige Francesco in Morcone ins Noviziat der Kapuziner ein. Zu Ehren von Papst Pius I. erhielt er den Ordensnamen Fra Pio. Das Noviziat forderte ihn körperlich und geistlich. Zugleich zog ihn die Tiefe des kontemplativen Kapuzinerlebens an: Armut, Gebet und Gehorsam. 1904 legte er die zeitlichen, 1907 die feierlichen Gelübde ab.
Bereits während seiner Ausbildung begannen schwere körperliche Erkrankungen. Fra Pio litt lange an Lungenbeschwerden, hohem Fieber und Erschöpfung. Mehrfach musste er seine Ausbildung unterbrechen und nach Pietrelcina zurückkehren. Die Ärzte vermuteten Tuberkulose, doch eine eindeutige Diagnose gab es nie. Trotz seiner schwachen Gesundheit setzte er das Studium der Philosophie und Theologie fort. Sein geistliches Leben entwickelte sich mit einer Intensität, die weit über das hinausging, was die Krankheit erwarten liess.
Am 10. August 1910 weihte ihn Erzbischof Paolo Schinosi in der Kathedrale von Benevent zum Priester. Er war dreiundzwanzig Jahre alt. Noch im Herbst desselben Jahres erlebte er zum ersten Mal die Wundmale der Passion Christi. Sie bluteten nicht sichtbar; er empfand Schmerzen an Händen, Füssen und Seite. Öffentlich sprach er nicht darüber. Seinem geistlichen Begleiter, Pater Benedetto aus San Marco, schrieb er mit Staunen und Sorge von diesen Erfahrungen.
Zwischen 1910 und 1916 lebte Pater Pio abwechselnd in Pietrelcina und in verschiedenen Kapuzinergemeinschaften. Es waren Jahre intensiver geistlicher Erfahrungen und schwerer Prüfungen. Nach seinen eigenen Schilderungen fühlte er sich in diesen Kämpfen von Dunkelheit und Verlassenheit bedrängt. Ein Brief aus jener Zeit an seinen geistlichen Begleiter gehört zu den eindrücklichsten Zeugnissen der geistlichen Nacht in der neueren Mystik.
Im September 1916 kam Pater Pio in das Kloster Santa Maria delle Grazie in San Giovanni Rotondo am Hang des Gargano in Apulien. Der kleine, abgelegene und arme Ort wurde zum Mittelpunkt seines priesterlichen Lebens. Mit Unterbrechungen für seinen Militärdienst bis 1918 blieb er dieser Gegend bis zu seinem Tod verbunden, zweiundfünfzig Jahre lang.
Am Morgen des 20. September 1918 erlebte Pater Pio nach der Messe und der Danksagung in Santa Maria delle Grazie eine intensive Vision. Dabei empfing er die sichtbaren, bleibenden Stigmata: Wunden an den Händen, den Füssen und der Seite. Als ein Zeuge die Kirche betrat, fand er ihn bewusstlos vor dem Kruzifix, mit blutenden Wunden. Er galt als der erste stigmatisierte Priester der Kirchengeschichte und übte seinen Dienst weiter aus. Fünfzig Jahre blieben die Wunden offen und bluteten, ohne sich zu entzünden. Ihre Entstehung und ihr Fortbestehen wurden medizinisch unterschiedlich beurteilt.
Die Nachricht verbreitete sich rasch. Die Kirche ging vorsichtig vor und ordnete mehrere medizinische Untersuchungen an. Dr. Luigi Romanelli untersuchte Pater Pio 1919 und 1920. Professor Amico Bignami, ein agnostischer, angesehener Pathologe der Universität Rom, untersuchte ihn 1919. Er vermutete einen krankhaften Ursprung und eine Aufrechterhaltung der Wunden durch Suggestion oder chemische Mittel. Dr. Giorgio Festa untersuchte ihn 1920 und 1925. Er stellte fest, dass die Wunden keiner bekannten klinischen Kategorie entsprachen, und widersprach Bignamis Erklärung. Die ärztlichen Berichte stimmten somit nicht in allen Schlussfolgerungen überein; Romanelli und Festa hielten den Befund für medizinisch nicht erklärbar.
Die kirchlichen Behörden, besonders das Heilige Offizium, beschränkten seinen Dienst mehrfach. 1931 wurde ihm für zwei Jahre jede öffentliche priesterliche Tätigkeit untersagt: Er durfte weder öffentlich Beichte hören noch die Messe mit dem Volk feiern. Er lebte zurückgezogen im Kloster und begegnete den Anordnungen ohne Widerstand, im Gebet und im Gehorsam. 1933 durfte er wieder öffentlich die Messe feiern; die Erlaubnis zum Beichthören folgte 1934.
Der Beichtstuhl war die Mitte seines priesterlichen Wirkens. Besonders zwischen 1920 und 1960 sass Pater Pio täglich fünfzehn bis zwanzig Stunden dort. Zu ihm kamen Bischöfe, Ärzte, Soldaten, Bauern, Intellektuelle und Menschen aus anderen Ländern. Viele bezeugten, er habe konkrete Sünden benannt, die sie noch nicht ausgesprochen hatten, oder Umstände gekannt, von denen niemand wusste. Vor dem Beichtstuhl wurde tagelang gewartet. Pilger schliefen im Freien, bis sie an die Reihe kamen.
1956 wurde in San Giovanni Rotondo das Krankenhaus Casa Sollievo della Sofferenza, das «Haus zur Linderung des Leidens», eröffnet. Es gehörte zu den grossen Lebenswerken Pater Pios. Seit den 1920er-Jahren hatte er den Gedanken verfolgt; verwirklichen liess er sich erst durch die umfangreichen Spenden von Pilgern aus aller Welt. Das Krankenhaus zählt bis heute zu den modernsten Italiens und erbringt jährlich mehr als eine Million ambulante medizinische Leistungen.
In seinen letzten Lebensjahren liessen Pater Pios Kräfte nach. Die Wundmale verschwanden allmählich. Am 22. September 1968 feierte er mit Zehntausenden Gläubigen eine feierliche Messe anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Stigmatisation. Am folgenden Morgen, dem 23. September 1968, starb er im Alter von einundachtzig Jahren friedlich in seinem Klosterzimmer. Seine letzten überlieferten Worte waren: «Gesù … Maria …»
Papst Johannes Paul II. sprach ihn am 2. Mai 1999 selig. Zur Feier kamen Hunderttausende Pilger nach Rom. Am 16. Juni 2002 folgte die Heiligsprechung, ebenfalls durch Johannes Paul II. Rund 300.000 Gläubige nahmen daran teil; es war eine der grössten solchen Feiern in der Geschichte des Vatikans. Sein Fest ist am 23. September.
Berichte aus seinem Wirken zwischen 1918 und 1968, festgehalten in schriftlichen Aussagen von Ärzten, Bischöfen und unmittelbaren Zeugen.

San Giovanni Rotondo, 20. September 1918
Nach der Morgenmesse in Santa Maria delle Grazie betete Pater Pio vor dem Kruzifix und erlebte eine intensive Vision. Als ein Mitbruder die Kirche betrat, fand er ihn bewusstlos vor, mit blutenden Wunden an beiden Handflächen, den Füssen und der Seite. Die Wunden blieben fünfzig Jahre sichtbar und bluteten, ohne zu verheilen oder sich zu entzünden. Dr. Luigi Romanelli, Dr. Giorgio Festa und Professor Amico Bignami untersuchten sie unabhängig voneinander zwischen 1919 und 1925. Ihre Deutungen unterschieden sich: Romanelli und Festa hielten den Befund für medizinisch unerklärlich, während Bignami einen krankhaften Ursprung und eine Aufrechterhaltung der Wunden durch andere Einflüsse vermutete. Pater Pio galt als der erste stigmatisierte Priester der Kirchengeschichte.

San Giovanni Rotondo, 1920–1960
Pater Pios Messen dauerten regelmässig zwei bis drei Stunden und damit um ein Vielfaches länger als üblich. Zeugen schildern heftiges Weinen, lange stille Pausen, Schweissausbrüche und Veränderungen der Hautfarbe während der Wandlung. Dr. Romanelli, der ihn medizinisch begleitete, hielt einen Abfall des Blutdrucks und Veränderungen der Vitalzeichen in jenen Augenblicken fest, die als mystische Vereinigung beschrieben wurden. Tausende Pilger kamen allein, um an seiner Messe teilzunehmen. Viele bezeugten, dabei etwas erlebt zu haben, das sie tief veränderte und ihrem Leben eine neue Richtung gab.

San Giovanni Rotondo / Krakau, 1962
1962 schrieb Karol Wojtyła, damals Bischof in Krakau und später Papst Johannes Paul II., Pater Pio einen Brief. Er bat um Fürsprache für seine Freundin, die Ärztin Wanda Półtawska, die an Kehlkopfkrebs litt, den die Ärzte für unheilbar hielten. Pater Pio erhielt den Brief und betete. Wenige Tage vor der vorgesehenen Operation stellten die Ärzte bei einer erneuten Untersuchung fest, dass der Tumor nicht mehr vorhanden war. Wanda Półtawska wurde ohne medizinische Erklärung gesund. Sie wurde 101 Jahre alt und bezeugte das Ereignis persönlich. Der Briefwechsel zwischen Wojtyła und Pater Pio wird in kirchlichen Archiven aufbewahrt.
In der kirchlichen Überlieferung
Du kannst mit den Worten der Kirche beten.
Du kannst mit deinen eigenen Worten sprechen.
Du kannst auch schweigen.
Der Heilige nimmt nicht Gottes Platz ein.
Er begleitet dich mit seinem Gebet und seiner Fürsprache.
Der Weg führt immer zu Gott.
Mit eigenen Worten
Hier kannst du Jesus sagen, was dich bewegt: ganz frei, mit deinen eigenen Worten und ohne vorgegebenen Text.

Er begleitet Menschen, die ein Kreuz tragen.
Sein Leben führt zu Jesus Christus, der gesagt hat: «Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Lk 9,23; Einheitsübersetzung 2016).
Mit Christus führt es uns im Heiligen Geist zum Vater.
Bete, hoffe und sorge dich nicht. Gott ist barmherzig und wird dein Gebet hören.
Ein Rat