Die heilige Teresa von Ávila — Lehrerin des Gebets
Um zu beten, müssen wir zunächst in unser Inneres einkehren und es kennenlernen. Dann stellen wir uns in die Gegenwart Gottes, der in uns wohnt. Wenn wir uns seiner Gegenwart bewusst werden, können wir ein ruhiges Gespräch mit ihm beginnen, ohne vieles zu durchdenken. Unsere Aufmerksamkeit gilt weniger dem, was wir sagen wollen, als dem, mit dem wir sprechen. Es geht vor allem um die Begegnung zweier Personen, nicht um ihre Anliegen. Entscheidend ist das Gegenüber. Deshalb kommt es darauf an, ihn anzusehen.
Unsere ganze Aufmerksamkeit soll Christus gelten: Christus ist da — sieh ihn an. Christus ist da — sprich mit ihm. Christus ist da — höre ihm zu. Christus ist da — lass dich von ihm ansehen.
Wir sollen das Vaterunser gemeinsam mit Christus beten.
Wenn wir uns bewusst sind, dass Gott in uns gegenwärtig ist, können wir mit Christus wie mit einem Freund sprechen. Dass Gott in unserem Herzen wohnt, bezeugt der Evangelist Johannes: „Wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“ (Joh 14,23) In unserer Seele wird er uns lehren, das Vaterunser zu beten.
Auf dem Weg des Gebets ist es besonders wichtig, unser Vertrauen vorbehaltlos auf Gott zu setzen und diesen Weg entschlossen zu gehen: „Bleibt bei eurem Meister, fest entschlossen zu lernen, was er euch lehrt.“ (Kap. 26,10)
Am Anfang steht also die Entschlossenheit, dann das Gebet der Sammlung, das bereits ein kontemplatives Gebet ist, danach das Gebet der Ruhe, und schliesslich kommt die Mystik. Diese Gnade schenkt Gott, wem er will. Sie ist das Reich Gottes in der Seele.
Das Gebet gleicht einer Reise, deren Ziel kein Zustand ist, sondern eine Person. Es ist ein beständiges Weitergehen.
Im Gebet sollen wir auch uns selbst kennenlernen. Denn wir sind nicht das, was wir vor uns selbst und anderen zu sein scheinen, sondern das, was wir vor Gott sind. Das können wir nur entdecken, wenn wir im Gebet vor ihm stehen. Erst wenn wir uns entschliessen, uns Gott zu öffnen und uns von ihm ansehen zu lassen, beginnen wir, uns selbst zu erkennen — die Schwächen ebenso wie die guten Seiten, die uns noch nicht bewusst sind — und lernen zu beten. Das Gebet beginnt wie ein Lied, wenn wir Gott erlauben, unser Inneres zu erhellen.
Das ist auch heute eine Einladung an uns: demütig und mutig vor Gott zu treten und so uns selbst und unsere Berufung kennenzulernen. Das ist nur im Gebet möglich; beten aber lernen wir nur, indem wir beten.
Beten ist nicht leicht. Jesus schwitzte und rang im Gebet; Wunder zu wirken fiel ihm leichter. Deshalb versteht er unsere Schwierigkeiten und wird uns helfen.
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DAS VATERUNSER MIT DER HEILIGEN TERESA VON ÁVILA
Die heilige Teresa von Ávila gibt ihren Schwestern Hinweise, wie sie das Vaterunser beten und den Weg des Gebets beginnen können. Sie zeigt ihnen besonders, was ihnen bewusst sein soll, worauf sie achten und wie sie beim Beten betrachten können. Sie lehrt sie beten.
Die Kirche erkennt die heilige Teresa von Ávila als Lehrerin des Gebets an. Auch sie selbst war sich dieser Gabe bewusst. Durch ihre Werke möchte sie diese Aufgabe bis heute fortsetzen und den Lesenden helfen, im Gebet den „Weg der Vollkommenheit“ zu entdecken. Sie verbürgt sich dafür, dass dieser Weg der richtige ist und sicher zur Vereinigung mit Gott führt. Diese Gewissheit gründet in ihrer Erfahrung, aus der auch jede ihrer Botschaften erwächst.
In Teresas Gebetslehre ist das mündliche Gebet die erste Stufe. Es kann leicht zu einem innigen Gespräch werden, das die Tiefe der Kontemplation erreicht. Die erste notwendige Voraussetzung ist die Einsamkeit. Dann richten wir unsere Gedanken auf den, mit dem wir sprechen, und machen uns bewusst, was wir sagen. Für Teresa ist das Gebet eine wirkliche Begegnung mit einer Person, die man liebt.
Betrachtendes Gebet bedeutet für sie, „zu bedenken und zu verstehen, was wir sagen, mit wem wir sprechen und wer wir sind, dass wir es wagen, mit einem so grossen Herrn zu reden“. (Kap. 25,3)
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VATER UNSER
„Vater unser“ — diese Worte sprechen von der grossen Liebe, die der Herr uns erwiesen hat, und von der Gnade, dass wir ihn unseren Vater nennen können und dürfen. Schon wenn wir uns mit diesen ersten Worten an ihn wenden, füllt er unsere Hände und schenkt uns grosse Gnade: Er hört uns zu, wartet auf unsere Bitte, wartet darauf, dass wir uns an ihn wenden und ihn grüssen.
Nach diesen Worten darf sich die Seele über sich selbst erheben, damit der Sohn, der mit uns betet, ihr zeigt, wo sein Vater ist. Lösen wir uns von der Erde, denn diese Gnade trägt uns zum Himmel.
Jesus, Sohn Gottes, wie tief hast du dich zu uns herabgeneigt, indem du gemeinsam mit uns betest! Im Namen deines Vaters schenkst du uns alles, was sich schenken lässt. Denn du willst, dass dein Vater uns als seine Kinder ansieht, als deine Geschwister.
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IM HIMMEL
Es ist sehr wichtig zu wissen, was der Himmel ist und wo wir unseren heiligsten Vater suchen sollen. Gott ist überall. Wo der König ist, dort ist auch sein Gefolge. Der Himmel ist dort, wo Gott ist; die Herrlichkeit ist dort, wo Seine Majestät ist.
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DAS GEBET DER SAMMLUNG
Der heilige Augustinus sagt, er habe Gott an vielen Orten gesucht und ihn schliesslich in sich selbst gefunden.
Meint ihr, es sei für eine zerstreute Seele wenig bedeutsam, diese Wahrheit zu erkennen? Sie muss nicht zum Himmel aufsteigen, um mit ihrem ewigen Vater zu sprechen, und sie muss auch nicht laut reden. Wie leise wir auch sprechen — er ist so nahe, dass er uns hört. Die Seele braucht auch keine Flügel, um ihn zu suchen. Sie muss sich nur in die Einsamkeit zurückziehen und ihn in sich selbst betrachten. Sie soll sich über einen so guten Gast nicht wundern, sondern in grosser Demut mit ihm sprechen: ihn wie einen Vater bitten, ihm ihre Nöte erzählen und Hilfe bei ihm suchen, im Bewusstsein, dass sie nicht würdig ist, seine Tochter zu sein.
Diese Weise zu beten sammelt die Gedanken viel schneller und bringt viele Gaben mit sich. Sie heisst Sammlung, weil die Seele alle ihre Kräfte zusammenführt und sich mit ihrem Gott in ihr Inneres zurückzieht. So unterweist ihr göttlicher Meister sie schneller und schenkt ihr das Gebet der Ruhe früher als auf jedem anderen Weg.
Stellen wir uns also vor, dass in uns ein Palast von unermesslichem Reichtum steht: ein ganz aus Edelsteinen erbautes Haus, wie es einem solchen Herrn gebührt. Wir tragen dazu bei, dass es so beschaffen ist, denn kein Gebäude ist so schön wie eine reine, tugendhafte Seele. Wären wir uns bewusst, dass ein so grosser König in unserer Seele wohnt, liessen wir ihn nicht so oft allein. Wir wären häufiger bei ihm und gäben uns mehr Mühe, uns nicht so zu beschmutzen.
Der Herr wird jene unterweisen, die dies noch nicht wissen. Denn wir wissen nicht, was es heisst, mit Freude zu beten, bis der Herr es uns zeigt. Wir kennen auch den Nutzen dieser Gewohnheit, uns nach innen zurückzuziehen, noch nicht. Wenn wir wollen, können wir uns dafür entscheiden, uns niemals von einer so guten Gesellschaft zu trennen.
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GEHEILIGT WERDE DEIN NAME, DEIN REICH KOMME
Zu den vielen grossen Gaben im Himmelreich gehört, dass wir uns nicht mehr mit Irdischem beschäftigen müssen, sondern in uns selbst Ruhe und Freude finden. Wir freuen uns von Herzen, dass alle den Herrn heiligen und preisen und seinen Namen loben. Niemand beleidigt ihn, und die Seele tut nichts anderes, als ihn zu lieben. Wir würden ihn jedoch ganz anders lieben, wenn wir ihn besser kennten.
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DAS GEBET DER RUHE
Diese Ruhe der Seele ist etwas Übernatürliches. So sehr wir uns auch bemühen: Wir können sie nicht aus eigener Kraft erreichen. Der Herr selbst führt die Seele durch seine Gegenwart zum Frieden. Auf eine Weise, die den äusseren Sinnen ganz unbekannt ist, erkennt die Seele, dass sie ihrem Gott bereits ganz nahe ist und bald mit ihm eins werden wird. Schon die Nähe zur Quelle macht sie so froh: Selbst ohne zu trinken wird sie gesättigt. Ihre Kräfte kommen zur Ruhe, und sie möchte sich nicht einmal bewegen, weil sie fürchtet, diesen Frieden zu verlieren.
Manchmal schenkt der Herr in diesem Gebet der Ruhe eine weitere Gnade: Der Wille, der mit seinem Gott vereint ist, vermag ihm mehr zu dienen, als er sich mit den Dingen dieser Welt befassen kann.
Wem der Herr dies schenkt, der empfängt eine grosse Gnade. Denn tätiges und beschauliches Leben sind vereint: Marta und Maria sind zusammen.
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DEIN WILLE GESCHEHE, WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN
Jesus hat uns gezeigt, was es heisst, den Willen des Vaters zu achten: vom Garten Getsemani bis zum Tod am Kreuz. Er hat uns sowohl seinen Willen als auch seine Angst und seine Hingabe gezeigt.
Der Wille des Vaters wird geschehen, ob wir es wollen oder nicht. Sein Wille wird im Himmel und auf Erden geschehen. Glaubt mir: Nehmen wir das an und machen wir aus der Pflicht eine Tugend. Wir dürfen uns dem Willen des Vaters frei überlassen. Damit wir das können, muss unser Wille von allen eigenen Interessen frei werden. „Dein Wille geschehe“ lässt sich scheinbar leicht sagen — bis wir erfahren und verstehen, dass es das Schwerste ist, was wir tun können. Zum Glück weiss der Herr, was jeder von uns vermag.
Dem Herrn bedeutet unser Wille, den wir ihm schenken, sehr viel. Wir müssen nur darauf achten, dass wir ihm nicht beispielsweise unseren Willen als Geschenk anbieten und ihn gleich wieder zurückziehen, sobald er die Hand danach ausstreckt. Wenn wir dem Herrn unseren Willen nicht ganz übergeben, wird er uns niemals vom lebendigen Wasser seiner Quelle trinken lassen.
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UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE
Der Vater hat uns das heiligste Brot für immer geschenkt. Wir werden nicht hungrig bleiben. Denn wann immer die Seele davon essen möchte, findet sie im heiligsten Sakrament alle Wonne und allen Trost.
Als Jesus auf Erden lebte, heilte er die Kranken durch die Berührung seines Gewandes und durch seine Nähe. Heute ist er in uns. Wenn wir glauben, wird er uns schenken, worum wir ihn bitten, denn er ist in unserem Haus. Der Herr pflegt eine Unterkunft nicht schlecht zu entlohnen, wenn er gut aufgenommen wird.
Der Herr offenbart sich jenen, bei denen er sieht, dass seine Gegenwart ihnen zum Guten gereichen wird. Seien wir gerne bei ihm. Lassen wir eine so gute Gelegenheit zum Gespräch, wie sie uns die Zeit nach der Kommunion bietet, nicht verstreichen.
Wenn wir den Herrn empfangen haben und er selbst vor uns ist, wollen wir die leiblichen Augen schliessen, die Augen der Seele öffnen und in unser Herz schauen.
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UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD, WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN
Der Herr sieht, dass uns diese himmlische Nahrung hilft, Gottes Willen zu erfüllen. Deshalb fährt er fort, uns beten zu lehren.
Bedenken wir gut, wie gross und wichtig es ist, dass der Herr uns unsere Sünden vergibt, für die wir das ewige Feuer verdient hätten — und dass er sie unter einer so kleinen Bedingung vergibt: dass wir anderen vergeben.
„Ich kann nicht glauben, dass eine Seele, die der Barmherzigkeit selbst so nahekommt und dabei erkennt, wie sie beschaffen ist und wie viel Gott ihr vergeben hat, nicht anschliessend mit grosser Leichtigkeit vergeben und sich gerne mit dem versöhnen würde, der sie beleidigt hat.“
Über die Erhabenheit des Vaterunsers: „Wir sollen den Herrn dafür preisen, wie vollkommen dieses Gebet des Evangeliums ist. Es erstaunt mich, dass in so wenigen Worten die ganze Kontemplation und Vollkommenheit enthalten sind. Es scheint, als bräuchten wir kein anderes Buch, sondern müssten nur aus diesem lernen.“
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UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN
Unser Meister ist weise und aufmerksam. Er warnt uns vor Gefahren und erinnert uns daran, dass wir auch Feinde haben. Er lehrt uns, wie wichtig Wachsamkeit ist und wie sehr wir dabei Hilfe brauchen.
Vor offenen Feinden brauchen wir uns nicht zu fürchten. Mit der Kraft, die der Herr schenkt, lassen sie sich leicht besiegen und überwinden. Wachsam sein müssen wir gegenüber Verrätern und den bösen Geistern, die sich als Engel des Lichts ausgeben.
Die Heilmittel sind die Liebe und die Gottesfurcht. Denn die Liebe lässt uns weiter ausschreiten, und die Furcht lässt uns darauf achten, wohin wir treten. Liebe und Furcht sind zwei Tugenden, starke Festungen, von denen aus der Welt und den bösen Geistern der Kampf angesagt wird.
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AMEN
Den Herrn nicht zu beleidigen ist etwas Grosses.
Mit Liebe und Gottesfurcht können wir diesen Weg ruhig und friedvoll gehen, doch nicht sorglos, denn die Furcht muss uns stets vorausgehen.
Der Herr hat uns den Weg gezeigt und uns erkennen lassen, um wie viel wir bitten, wenn wir dieses Gebet des Evangeliums sprechen. Es enthält den ganzen geistlichen Weg, von seinem Anfang bis die Seele in Gott versinkt. Wenn wir das begreifen, können wir aus diesem Gebet viel lernen und Trost darin finden.
„Mein Herr und mein Gott, erlöse mich von allem Bösen und führe mich dorthin, wo alles Gute ist.“
(Zusammengestellt von Sr. Tea Živković OCDS nach Notizen aus Vorträgen von P. Vjenceslav Mihetec)