Staatsmann, Lordkanzler, Märtyrer · 1478–1535
Festtag: 22. Juni
Ein Zeuge für die Freiheit des Gewissens.
Für alle, die allein dastehen.
Gott an erster Stelle.

Thomas Morus war kein Fanatiker. Er war Humanist und mit Erasmus befreundet, Jurist, Lordkanzler von England und Vater von vier Kindern. Er lachte gern. Als Heinrich VIII. sich zum Oberhaupt der englischen Kirche erklärte und verlangte, dass alle dies mit ihrer Unterschrift anerkannten, fügten sich viele.
Thomas Morus weigerte sich. Er wusste genau, was ihn erwartete. Er hielt still an seiner Entscheidung fest, ohne ein öffentliches Manifest zu verfassen. Fünfzehn Monate sass er im Tower und schrieb seiner Tochter mit Kohle an den Rändern seiner Bücher. Am Ende sagte er nur: „Ich sterbe als guter Diener des Königs, aber zuerst als Diener Gottes.“ Auf dem Schafott lächelte er.
Du kannst dich an ihn wenden, wenn dein Gewissen dir etwas anderes sagt als die Menschen, die dich unter Druck setzen. Er wusste bis ins Letzte, was eine solche Entscheidung kosten kann. Und er wusste, dass du das Richtige wählen und dabei menschlich bleiben kannst.
Du musst deine Last nicht allein tragen.
Thomas Morus, in England als Thomas More bekannt, wurde 1478 in London als Sohn eines Juristen geboren. Er studierte in Oxford und am Lincoln’s Inn, lernte Griechisch und las die antiken Klassiker. Er konnte ganz ernst sein und zugleich voller Humor.
Etwa in den Jahren 1501–1504 lebte er bei den Kartäusern in London. Er war kein Mönch, sondern ein Gast auf der Suche nach seiner Berufung. Vier Jahre lang prüfte er, ob sein Weg zum Priestertum oder in die Ehe führen sollte. Die Kartäuser leben in strenger Busse und Stille, fern vom öffentlichen Leben. Morus entschied sich schliesslich für die Ehe und kehrte in die Welt zurück. Doch die kartäusische Lebensweise prägte ihn weiterhin.
Er heiratete, bekam vier Kinder, verlor seine Frau und heiratete erneut. Sein Haus wurde zu einem Mittelpunkt humanistischer Begegnungen. Er liess auch seine Töchter unterrichten, nicht nur seinen Sohn – damals eine Ausnahme. Seine Tochter Margaret wurde eine der gebildetsten Frauen im England ihrer Zeit. Sie war scharfsinnig und stand ihm besonders nahe. 1516 veröffentlichte Morus die Utopia, seine philosophische Vorstellung einer gerechten Gesellschaft. Das Werk machte ihn in ganz Europa berühmt. Er gehörte zu den führenden Denkern seiner Zeit.
1529 wurde er zum Lordkanzler von England ernannt, als erster Laie in diesem Amt. Er war ein Freund und Berater König Heinrichs VIII. Unter seinen feierlichen Gewändern aus Seide und Pelz trug er ein härenes Busshemd: ein grobes Gewand aus Rosshaar, das auf der blossen Haut scheuerte. Diese Bussübung hatte er bei den Kartäusern kennengelernt. Niemand sah das Hemd. Der Mann des öffentlichen Lebens war zugleich ein Asket im Verborgenen. In dieser Zeit nahm Heinrichs grosser Ehekonflikt seinen Lauf. Der König wollte sich von Katharina von Aragón scheiden lassen, sich zum Oberhaupt der englischen Kirche machen und von allen einen Eid verlangen. Von allen.
Morus unterschrieb nicht. Statt sich offen gegen den König zu stellen, legte er 1532 still sein Amt nieder, ohne Angriffe. Sein Schweigen war auch eine rechtliche Strategie: Solange er sein Nein nicht aussprach, konnte das Gesetz ihm nichts anhaben. Im April 1534 verweigerte er den verlangten Eid zum Thronfolgegesetz. Im November folgte das Suprematsgesetz, das den König zum Oberhaupt der Kirche in England erklärte. Bischöfe, Adlige und Freunde unterschrieben. Morus weigerte sich. Ohne Aufsehen, ohne Manifest. Er konnte es nicht.
Wegen der Verweigerung dieses Eides war er bereits im April 1534 in den Tower gebracht worden. Dort blieb er fünfzehn Monate. Margaret kam zu Besuch, wann immer man sie liess. Nachdem man ihm die Feder genommen hatte, schrieb er ihr mit Kohle an den Rändern seiner Bücher. „Mein Herz ist freier, als ihr gedacht habt.“ Im Prozess trat Richard Rich als einziger Belastungszeuge auf. Er behauptete, Morus habe ihm unter vier Augen gesagt, der König könne nicht Oberhaupt der Kirche sein. Morus nannte ihn einen Lügner. Die Geschworenen berieten fünfzehn Minuten lang. Das Urteil lautete: Tod.
Am 6. Juli 1535 führte man ihn zum Tower Hill. Er scherzte mit seinen Bewachern. Auf dem Schafott sagte er: „Ich sterbe als guter Diener des Königs, aber zuerst als Diener Gottes.“ Und er lächelte. Margaret holte seinen Kopf von der London Bridge und bewahrte ihn auf. Heute werden seine Reliquien in der Kirche St Dunstan in Canterbury verehrt. 1935 wurde er zusammen mit John Fisher heiliggesprochen, dem einzigen Bischof, der den Eid verweigert hatte.

London, 6. Juli 1535
Margaret Roper hatte an jenem Morgen in den Kirchen Almosen verteilt, bis ihr Geldbeutel leer war. Dann eilte sie zum Tower, um den Leichnam ihres Vaters zu holen, und vergass, wieder Geld einzustecken. Sie hatte kein Geld, um Stoff für das Leichentuch zu kaufen. Ihre Magd Dorothy ging in einen nahe gelegenen Laden, vereinbarte den Preis und griff in den Geldbeutel. Schon wollte sie um Kredit bitten. Darin fand sie genau den vereinbarten Betrag, keinen Penny mehr und keinen weniger. Dorothy Harris, die später in Douai lebte, erzählte Thomas Stapleton diese Geschichte mehrfach. Sie erklärte ausdrücklich, selbst Zeugin gewesen zu sein.

London, 6. Juli 1535
Ein Bürger aus Winchester litt seit Jahren unter schweren geistlichen Anfechtungen, die ihn bis an den Rand der Verzweiflung brachten. Man führte ihn zu Morus, der ihm durch sein Gebet half. Solange Morus frei war, blieb auch der Mann von diesen Anfechtungen frei. Als Morus in den Tower kam, kehrten sie zurück. Am Tag seiner Hinrichtung drängte sich der Mann durch die Wachen und rief: „Erkennt Ihr mich? Helft mir – die Anfechtung ist zurückgekehrt.“ Morus antwortete: „Ich erkenne dich. Geh und bete für mich, dann werde ich für dich beten.“ Der Mann ging. Bis zum Ende seines Lebens wurde er von diesen Anfechtungen nicht mehr geplagt.

England, nach 1535
Morus’ Tochter Elizabeth war schwer krank und lag lange ohne Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, erzählte sie unter Tränen, sie habe ausserhalb ihres Körpers schreckliche Qualen erlitten. Sie hätte sie für immer erdulden müssen, wenn die Fürsprache ihres Vaters sie nicht gerettet hätte. Ihr Vater hatte damals bereits das Martyrium erlitten. Elizabeth überstand die Krankheit und lebte bis 1564. Stapleton hielt die Geschichte 1588 in seiner Biografie fest, als die Erinnerung daran in Morus’ Familie noch lebendig war.
In der kirchlichen Überlieferung
Du kannst mit den Worten der Kirche beten.
Du kannst mit deinen eigenen Worten sprechen.
Du kannst auch schweigen.
Der Heilige nimmt nicht Gottes Platz ein.
Er begleitet dich mit seinem Gebet und seiner Fürsprache.
Der Weg führt immer zu Gott.
Mit eigenen Worten
Hier kannst du Jesus sagen, was dich bewegt: ganz frei, mit deinen eigenen Worten und ohne vorgegebenen Text.

Er ist ein Zeuge.
Sein Gewissen weist auf Christus hin, der grösser ist als jeder Druck, jede Angst und jede Hinrichtungsstätte.
Mit Christus führt er uns im Heiligen Geist zum Vater.
„Ich sterbe als guter Diener des Königs, aber zuerst als Diener Gottes.“
Seine letzten Worte auf dem Schafott