Heilige Maria Magdalena,
mit dem Strom deiner Tränen bist du
zu Christus gekommen, der Quelle des Erbarmens.
Du hast brennend nach ihm gedürstet,
und er hat dich reichlich gestärkt.
Er hat dich Sünderin gerecht gemacht
und dich liebevoll getröstet
in deinem bitteren Schmerz.
Du, meine liebste Herrin, hast selbst erfahren, wie eine sündige Seele mit ihrem Schöpfer versöhnt wird, welcher Rat der elenden Seele hilft und welches Heilmittel dem Kranken die Gesundheit wiedergibt. Liebe Freundin Gottes, wir wissen wohl, dass demjenigen „viele Sünden vergeben sind, weil er viel geliebt hat“.
Ich, der elendeste Sünder, seligste Herrin, ich, der elendeste Sünder, will deine Sünden nicht erwähnen, um dir Vorwürfe zu machen. Ich möchte vielmehr die unermessliche Güte betrachten, die sie ausgelöscht hat. Durch diese Güte atme ich, um nicht mein Leben auszuhauchen; nach ihr seufze ich, um nicht zugrunde zu gehen. Ich bin es, der elend im Abgrund seiner Laster liegt, schwer beladen mit der Last seiner bösen Taten; der sich selbst in das finstere Gefängnis der Sünde gestossen und in die Dunkelheit der Stumpfheit gehüllt hat.
Du Liebende, die du Gott erwählt hast, du Erwählte, die du Gott geliebt hast: Ich Elender bitte dich Selige, ich Dunkler dich Erleuchtete, ich Sünder dich Gerechtfertigte, ich Unreiner dich Reine. Erinnere dich, Liebste, daran, was du warst und wie sehr du Erbarmen brauchtest. Suche für mich Vergebung, wie du sie für dich selbst ersehnt hast. Erbitte mir ein von Heiligkeit durchdrungenes Herz, Tränen der Demut, Sehnsucht nach der himmlischen Heimat, Unruhe in dieser irdischen Verbannung, die Bitterkeit der Busse und die Furcht vor ewiger Qual.
Liebste, lass mir dein vertrautes Gespräch mit der Quelle des Erbarmens helfen, das du geführt hast und noch immer führst. Schöpfe aus dieser Quelle für mich, damit ich meine Sünden abwaschen kann. Gib mir daraus zu trinken, damit mein Durst gestillt wird. Giesse sie in mich, damit meine Trockenheit getränkt wird. Es wird dir nicht schwerfallen, alles, was du wünschst, von deinem innig geliebten und liebenswürdigsten Herrn und Freund zu erlangen, der lebt und herrscht.
Selige Braut Gottes, wer könnte sagen, mit welch gütiger Vertrautheit und vertrauter Güte er für dich antwortete und deinen Anklägern entgegentrat? Wie liebevoll er dich vor dem stolzen Pharisäer verteidigte, der sich über dich empörte! Wie er dich vor deiner Schwester in Schutz nahm, die sich über dich beklagte! Wie er dein Tun lobte, als Judas dich anfuhr!
Doch du, gütigster Herr, warum fragst du sie, weshalb sie weint? Hat sie nicht gesehen, dass du, ihr Herz und das süsse Leben ihrer Seele, grausam getötet wurdest? Welch wunderbare Güte: Ausgestreckt am Holz, mit eisernen Nägeln befestigt, hingst du wie ein Verbrecher dem Spott der Gottlosen preisgegeben. Und du sagst: „Frau, warum weinst du?“ Sie konnte nicht verhindern, dass man dich tötete. Doch wenigstens wollte sie deinen Leib noch eine Weile vor dem Verfall bewahren. Weil sie mit dir nicht mehr als Lebendem sprechen konnte, wollte sie dich wenigstens als Toten beweinen.
Wahrhaftig: Die selige Liebe erträgt weder länger ihr Schluchzen noch sein Verborgenbleiben. Die Süsse seiner Liebe strömt hervor, damit die Bitterkeit ihrer Tränen nicht weiterströme. Der Herr ruft seine Dienerin bei ihrem vertrauten Namen, und die Dienerin erkennt die vertraute Stimme ihres Herrn. Auf einmal haben sich die Tränen gewandelt. Zuvor hatte ein reuiges Herz weinend geschluchzt; jetzt jubelte ein frohes Herz unter Tränen.
Gib mir, Herr, in dieser Verbannung das Brot des Schmerzes und der Tränen. Danach hungere ich mehr als nach allen Freuden. Erhöre mich um der Liebe und der kostbaren Verdienste deiner geliebten Maria und deiner seligsten Mutter, der grössten Maria, willen. Weise, gütigster Erlöser Jesus, das Gebet deines unwürdigen Sünders nicht zurück. Stärke vielmehr das Bemühen dessen, der dich in seiner Schwachheit liebt. Vertreibe die Trägheit meines Herzens. Lass mich durch die Glut deiner Liebe zur Schau deiner Herrlichkeit gelangen, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.